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Agarikon Genom: goldene Lärchen im Herbstwald, Lebensraum des Lärchenschwamms

Agarikon Genom: Erbgut des seltenen Lärchenschwamms entschlüsselt

Manche Pilze erscheinen über Nacht. Der Agarikon lässt sich Zeit. Er sitzt an den Stämmen alter Lärchen, kreidig hell, hart wie Holz, und legt Jahr für Jahr eine neue Schicht an. Einzelne Fruchtkörper werden älter als die Menschen, die an ihnen vorbeigehen. Lange war über diesen stillen Bewohner alter Wälder erstaunlich wenig bekannt – zumindest auf jener Ebene, auf der sich Leben heute am genauesten lesen lässt.

Das hat sich nun geändert. Im Oktober 2026 hat das Forschungsteam rund um den Mykologen Paul Stamets und das US-Unternehmen Fungi Perfecti das erste vollständige Genom des Agarikon (Laricifomes officinalis) vorgestellt, erschienen im begutachteten Fachjournal G3: Genes, Genomes, Genetics. Für die Pilzforschung ist das ein Meilenstein. Für uns ist es ein guter Anlass, einen der ungewöhnlichsten Pilze Europas genauer anzusehen.

Agarikon: ein Pilz mit sehr langem Atem

Im deutschsprachigen Raum kennt man den Agarikon auch als Lärchenschwamm – und der Name sagt bereits viel. In den Alpen wächst er fast ausschließlich auf alten, lebenden Europäischen Lärchen, in Nordamerika auch auf anderen Nadelbäumen. Seine Fruchtkörper erinnern an Hufe oder kleine Bienenkörbe, oft länglich, außen rissig, innen kreidig weiß. Im Holz verursacht er eine sehr langsame Braunfäule, die den Baum über Jahrzehnte begleitet.

Botanisch ist der Pilz ein Einzelgänger. Lange wurde er als Fomitopsis officinalis geführt. Molekulare Untersuchungen zeigten jedoch, dass er eine eigene Entwicklungslinie innerhalb der Porlinge bildet. Heute steht er meist allein in der Gattung Laricifomes – daher die zwei Namen, die bis heute nebeneinander verwendet werden.

Zweitausend Jahre Kulturgeschichte

Kaum ein Pilz ist so früh schriftlich belegt. Bereits im ersten Jahrhundert taucht das „Agaricon“ in den Schriften antiker Naturkundler auf. Über die Jahrhunderte wanderte der Pilz durch Kräuterbücher und Apothekenregale. Sein auffallend bitterer Geschmack brachte ihm im Englischen den Beinamen „Quinine Conk“ ein.

Auch an der Pazifikküste Nordamerikas spielte er eine besondere Rolle. Indigene Gemeinschaften schnitzten aus seinen Fruchtkörpern Figuren, die als Wächter an den Gräbern von Heilkundigen standen; überliefert ist auch der Name „Brot der Geister“. Es sind Spuren einer Beziehung zwischen Mensch und Pilz, die weit über das Praktische hinausreicht.

Diese Geschichte hat eine Kehrseite. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Lärchenschwamm in großem Stil gesammelt und gehandelt. In den Alpen verschwand er dadurch vielerorts beinahe vollständig.

Was das neue Agarikon-Genom zeigt

Ein Genom ist die vollständige Erbinformation eines Organismus – weniger ein Rezept als ein sorgfältig geführtes Archiv. Für den Agarikon fehlte eine solche Referenz bisher. Das Team hat nun sowohl das Kerngenom als auch das Genom der Mitochondrien sequenziert und annotiert, also die einzelnen Gene verortet und beschrieben. Die wichtigsten Eckdaten im Überblick:

  • Größe: rund 28,76 Megabasen im Zellkern
  • Vollständigkeit: geschätzt 99,4 Prozent
  • Gene: 8.717 vorhergesagte Gene, davon 8.604 proteincodierend
  • Biosynthetische Gencluster: 287 Gene, verteilt auf 27 Kandidaten-Cluster

Vor allem der letzte Punkt ist für die Forschung spannend. Biosynthetische Gencluster sind Gruppen von Genen, die gemeinsam für die Bildung bestimmter Stoffwechselprodukte zuständig sind – jener sogenannten Sekundärmetaboliten, mit denen Pilze etwa auf ihre Umgebung reagieren. Auf welchen Wegen der Agarikon seine charakteristischen Verbindungen aufbaut, war bislang weitgehend offen. Das Genom liefert nun die Koordinaten, an denen weitere Studien ansetzen können.

Warum ein Genom beim Artenschutz hilft

Die Weltnaturschutzunion IUCN führt den Agarikon auf ihrer Roten Liste als „stark gefährdet“ (Endangered). Die Gründe: historische Übernutzung, der Verlust alter Wälder und die enorme Zeit, die ein Fruchtkörper zum Wachsen braucht. In mehreren europäischen Ländern steht der Pilz zudem auf nationalen Roten Listen oder unter Schutz.

Ein Referenzgenom ist hier ein überraschend praktisches Werkzeug. Es erlaubt, den Pilz eindeutiger zu bestimmen, etwa wenn Material im Handel auftaucht. Es macht sichtbar, wie unterschiedlich Populationen in Europa und Nordamerika genetisch sind, und lässt Veränderungen über die Jahre verfolgen. Fungi Perfecti pflegt nach eigenen Angaben die weltweit größte Kultursammlung des Pilzes, mit Kulturen von mehr als 120 einzelnen Exemplaren – ein lebendes Archiv genetischer Vielfalt, das mit dem neuen Genom erst richtig lesbar wird.

Dass Schutz etwas bewirken kann, zeigt ein Beispiel aus den italienischen Alpen. In einem Naturpark im Piemont ist der Lärchenschwamm wieder regelmäßig anzutreffen. Die Forschenden führen das auf zwei Faktoren zurück: erhaltene Lebensräume mit alten Lärchen und ein konsequentes Sammelverbot.

Myzel statt Wildsammlung: eine Frage der Haltung

Weil Agarikon-Fruchtkörper so selten sind und so langsam wachsen, arbeitet die Forschung zunehmend mit kultiviertem Myzel – dem fein verzweigten Pilzgeflecht, das unter kontrollierten Bedingungen im Labor gedeiht. Auch das Material für die Genomanalyse stammt aus Myzelkulturen. Der Wald bleibt dabei unberührt.

Diese Frage stellt sich nicht nur bei seltenen Arten. Auch beim Chaga, der an Birken wächst, lohnt es sich zu fragen, woher das Material stammt und wie es geerntet wurde. Beim Reishi stammt das Material heute überwiegend aus Kultur, beim Cordyceps hat sich mit Cordyceps militaris eine kultivierbare Art etabliert. Herkunft, Anbau und Verarbeitung sind keine Nebensache, sondern der Kern von Qualität. Wie aus Pilzgewebe überhaupt ein Extrakt entsteht, beschreiben wir ausführlich im Beitrag zur Dualextraktion.

Was die Forschung (noch) nicht sagt

So bedeutend die Arbeit ist, sie ist vor allem ein Fundament. Ein Genom beschreibt, welche Möglichkeiten in einem Organismus angelegt sind – nicht, was davon unter welchen Bedingungen tatsächlich geschieht. Welche Gene aktiv sind, welche Verbindungen der Pilz in freier Natur bildet und wie sich einzelne Populationen unterscheiden, sind Fragen für die kommenden Jahre.

Zur Einordnung gehört auch: Die Studie entstand im Forschungslabor eines Unternehmens, das selbst Pilzprodukte vertreibt. Das schmälert die Arbeit nicht – sie wurde begutachtet, und eine Vorabversion ist frei zugänglich. Für eine ehrliche Lesart ist es dennoch wichtig. Gute Wissenschaft lebt davon, dass andere Gruppen Ergebnisse aufgreifen, prüfen und weiterführen.

Häufige Fragen zum Agarikon

Wächst der Agarikon auch in den Alpen?

Ja. Der Lärchenschwamm ist an alte Lärchen gebunden und kommt im Alpenraum vor, gilt dort aber als sehr selten. Wer einem Exemplar begegnet, lässt es am besten, wo es ist – der Pilz ist vielerorts geschützt und wächst über Jahrzehnte.

Sind Agarikon und Fomitopsis officinalis derselbe Pilz?

Ja. Fomitopsis officinalis ist der ältere, noch verbreitete Name. Weil genetische Analysen eine eigenständige Linie zeigen, wird heute meist Laricifomes officinalis verwendet.

Was bedeutet „biosynthetisches Gencluster“?

Eine Gruppe benachbarter Gene, die gemeinsam die Bausteine für bestimmte Stoffwechselprodukte liefern. Beim Agarikon wurden 27 solcher Kandidaten gefunden – ein Ausgangspunkt für künftige Grundlagenforschung.

Ein langsamer Pilz, eine geduldige Wissenschaft

Vielleicht passt es, dass ausgerechnet der Agarikon so lange auf seine genetische Landkarte warten musste. Ein Pilz, der in Jahrzehnten wächst, verlangt eine Forschung, die ebenfalls nicht hetzt. Das neue Genom beantwortet wenige Fragen endgültig – aber es macht viele erst stellbar.

Und es erinnert an etwas, das über das Labor hinausreicht: Manches bleibt nur, wenn man ihm Zeit lässt. Alten Lärchen. Alten Wäldern. Und einem stillen Pilz, der seit zweitausend Jahren Teil unserer Kulturgeschichte ist.

Quellen

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